8 Thesen zur Freimaurerei


Die Freimaurerei ist  w i r k lich, denn sie  w i r k t .

W i e  sie wirkt, wollen wir Ihnen, werter Leser, in 8 Thesen nahebringen:

 

Freimaurer bauen Brücken – und reißen Mauern ein.

Ordensfreimaurer gründen Humanität auf das Christentum.

 

THESE 1:

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Dieser Satz ist für uns Freimaurer nicht nur eine Spitzfindigkeit des antiken Philosophen Sokrates. Dieser Satz ist so archetypisch wie modern („Freimaurerei war immer“, schreibt z. B. unser Bruder Gotthold Ephraim Lessing 1781 in „Ernst und Falk, Gespräche für Freymäurer“, einer Utopie der Freimaurerei, die er den enttäuschenden eigenen Erlebnissen bei seiner Aufnahme in den Bund entgegensetzt, den er fortan konsequent meidet) – und was dieser Satz beschreibt, trifft auch das Selbstverständnis der Freimaurer. Sokrates‘ Satz besagt, dass zwischen der Wirklichkeit und ihrer Anschauung durch jeden von uns die eigene Wahrnehmung liegt und jeder Versuch, sie zu beurteilen, vom Irrtum begleitet sein kann – nicht begleitet sein muss. Und dabei sind wir noch gar nicht bei der Erkenntnis der Wirklichkeit angelangt. Wir sind also vorsichtig mit unserem Urteil, auch im Hinblick auf dessen Auswirkung, weil wir davon ausgehen müssen, dass Sie, die oder der Sie sich für die Freimaurerei interessieren, wie jeder andere Mensch zu einem anderen Urteil gelangen können, und dass Sie nicht Unrecht haben müssen. Deshalb werden wir immer dafür eintreten, dass Sie Ihre Meinung frei äußern können, auch wenn wir nicht mit der Ihren übereinstimmen sollten (nach Bruder Voltaire, der erst in hohem Alter zur Freimaurerei fand). Darum lesen Sie nicht nur sehr genau, was Sie alles an verwirrender Literatur auf dem Markt und im Internet antreffen, sondern besuchen Sie uns und lassen sich lieber von uns verwirren (denn als verwirrend werden Sie möglicherweise auch die ersten Besuche bei uns wahrnehmen). Aber ein Besuch bei uns ist allemal lustiger, und er wird nicht in „Sophistik“ oder Besserwisserei enden, sondern wenn das Glück uns hold ist, in einem interessanten philosophischen Diskurs. Wir sind praktische Leute und suchen unser Glück „Diesseits von Eden“ (nach einer Rundfunk-Sendereihe des Westdeutschen Rundfunks, Köln, über die Religionen). Das Gespräch halten wir für die vornehmste Art, miteinander umzugehen.

 

THESE 2:

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Diese Erkenntnis ist es aber auch, die es uns so schwer macht, über die Freimaurerei zu schreiben und zu sprechen. Was ist sie? Was will sie? Was tut sie? Was bewirkt sie? Was bedeutet der Satz: Sie war immer? „Freimaurerei war immer“ heißt, dass sie sich der gleichen archetypisch beschriebenen Begebenheiten und Figuren bedient, die die frühesten antiken Mysterien schon in Indien, Vorderasien, Ägypten, Griechenland und anderswo benutzten, um den Menschen, denen sie mit der Darstellung exemplarischer Lebens- und Verhaltenssituationen den Spiegel vorhielten, an die Erkenntnis der Wirklichkeit, d. h. zugleich: ihrer Rolle darin, heran zu führen und sie anzuleiten, daraus  i h r  Verhalten und  i h r e  Verantwortung gegenüber der Welt, was auch heißt,  g e g e n ü b e r  d e n  M i t m e n s c h e n , abzuleiten. Das machen wir heute nicht anders. Die Freimaurerei wird deswegen auch als der letzte noch aktive Mysterienbund der Welt bezeichnet. Verantwortung ist nicht delegierbar.

 

THESE 3:

„Die Freimaurerei ist ein eigenartiges System von Morallehren, eingehüllt in Allegorien und erleuchtet durch Sinnbilder.“ Dieser Versuch der Erklärung der Freimaurerei in einer englischen Schrift für Freimaurer-Lehrlinge beschreibt den doppelten Charakter der Freimaurerei. Einerseits ein System der Verhüllung ihrer Aussagen als Auftrag an den Freimaurer, sich das Verständnis jener Aussagen durch eine intensive Enthüllungsanstrengung aktiv zu erarbeiten, andererseits die aufklärerische Aufforderung an die erleuchtende Benutzung des eigenen Verstandes, um sich aus der Dunkelheit des Unwissens zu befreien, die Immanuel Kant als Unmündigkeit bezeichnet, wendet die Freimaurerei sich an Gefühl und Verstand gleichermaßen, indem sie den Menschen betrachtet als eingebettet in ein komplexes kosmologisches System der Ganzheit, das er in sich zu entdecken in der Lage ist, wenn er die schon in der Antike bekannte Aufforderung „Erkenne dich selbst!“ (s. o.THESE 2) ernst nimmt und ihr mit Entdeckerfreude folgt und wenn er sich durch die damit einhergehende Entdeckung möglicher eigener Untiefen nicht abschrecken, sondern zu dieser Arbeit eher noch inspirieren lässt.

 

THESE 4:

Die Freimaurerei versteht sich als eine „Königliche Kunst“ (s. Grundmaxime), nicht etwa, weil Könige und Fürsten sich ihr – immer noch – gern anschließen – das wäre allerdings noch kein hinreichender Grund, sondern weil sie die Aufforderung, an sich selbst zu arbeiten, was sie mit der „Arbeit am rauen Stein“ umschreibt, als eine erhabene Aufgabe betrachtet, die selbst für Könige, als sie noch etwas galten, eine Herausforderung darstellen musste, an der sie sich messen lassen konnten, wenn sie wollten, und weil sie der „Krone der Schöpfung“ zumutet, sich selbst zu veredeln, um ihrer Bestimmung gerecht zu werden („Metanoeite!“, „Ändert Euren Sinn!“, ruft Johannes, der Täufer, das Leitbild der Johannis-Loge, uns zu). Königlich an dieser Kunst ist auch, dass in ihr „Kunstwerk und Künstler in einer Person zusammen fallen“, wie es unser erster Logenmeister, Bruder Eduard Metzener im Jahr 1894 in seiner Gründungsansprache ausdrückt. Wir betrachten den Menschen unter dem doppelten Aspekt, dass er der „raue Stein“ sei und dass er diesen selbst bearbeiten muss. Eine Kunst ist die Freimaurerei aber auch deshalb, weil sie wie jene in der Lage ist, die Verkrampfung des Gehirns bei der Erfassung komplizierter gedanklicher Zusammenhänge über den Weg des Symbols in Art des „Aha“-Effektes auf individuelle Weise und spielerisch zu lösen.

 

THESE 5:

Wahrheit. Was ist Wahrheit? Gibt es die absolute Wahrheit? Wenn ja, so bleibt sie unserem beschränkten Wahrnehmungsvermögen verborgen. Stattdessen maßen wir uns an, relative Teilwahrheiten, ob wir sie nun als solche erkannt haben zu können glauben oder ob wir sie zweckgebunden erfinden, als absolute Wahrheiten zu propagieren – und scheitern schon an der Wahrheit des Anderen. Wissen wir wirklich nicht, was wir tun, wenn wir es fortan ablehnen, unsere Teilwahrheit nach ihrem Wahrheitsgehalt zu hinterfragen und nach der ganzen zu streben? (Ganz anders liest sich, was Lessing dazu sagt: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatz, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: Wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke, und sagte: Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“).

 

THESE 6:

Unsere Loge gehört zur so genannten „christlichen Freimaurerei“. Sie setzt den Glauben an Gott für die Wirksamkeit ihrer Arbeit voraus. Hieraus meinen manche, auch Brüder, nicht nur solche der so genannten „humanitären Freimaurerei“, offen oder versteckt einen Widerspruch konstruieren zu können, wenn nicht gar eine Unvereinbarkeit zweier entgegengesetzter Systeme, als ob christlich zu sein humanitär zu sein ausschlösse, und als ob die so genannte „humanitäre“ Freimaurerei nicht ebenfalls den Glauben an ein höchstes Wesen substantiell voraussetzte. In der Tat verleugnen selbst die Christen in vielen Phasen ihrer Geschichte das Werk Jesu, bis in die Gegenwart hinein. Wir aber sind davon überzeugt, dass dieses Werk trotz aller Rückschläge, dem es ausgesetzt war, nachahmenswert ist und legen deshalb entschieden Wert auf unsere christlichen Grundlagen. Wir knüpfen deshalb an an jenes Werk des Ur-Christentums, gehen aus von der Verfasstheit der Gemeinde der Urchristen, in der wir den neuzeitlichen Gedanken der Humanität schon erkennen zu  können glauben, und versuchen, diesem in der Gegenwart neue Gültigkeit zu verschaffen. Unantastbarkeit der menschlichen Würde, Gerechtigkeit, Empathie und Liebe sind ihre herausragenden Merkmale. Sie kulminieren in der Person Jesu Christi, die uns, auch wenn sie als historische Person nicht verbürgt wäre, schon durch ihre literarische Fiktion zum symbolhaften Vorbild wird, welches anzunehmen und welchem nachzufolgen, sprich, es nachzuahmen (s. u. THESE 8), jedem Menschen einen Versuch wert sein sollte. Von allen möglichen Terminologien in diesem Zusammenhang ist uns die christliche am vertrautesten.

 

THESE 7:

Die Freimaurerei hat kein ihr eigentümliches Gedankengut entwickelt. Sie schöpft vielmehr in eklektischer Weise aus zahllosen Quellen der Geistesgeschichte und verschmilzt sie zu einem Amalgam, das sie in eine Form gießt, die ihr – nur ihr – eigentümlich ist und die sie den eingangs erwähnten Mysterien nachempfindet. Wenn wir trotzdem von einer Lehre sprechen, so deshalb, weil es hierbei um die Art der Vermittlung jenes Gedankengutes geht, für die sie eine bestimmte Form gefunden hat: die Form der Rituale, die zu ihren Alleinstellungsmerkmalen werden. Rituale sind ebenfalls Symbole, dynamische Symbole von höchster dramatischer Kraft. Deshalb sind die Rituale ihre Lehre.

 

THESE 8:

Die Ordensregel will verbindlich bestimmen:

§ 2. Der Freimaurer-Orden setzt den Glauben an GOTT, symbolisiert durch das Bild des „Dreifach Großen Baumeisters der ganzen Welt“, und an die göttliche Weltordnung voraus. Ohne diese Voraussetzung kann die Lehr- und Übungsweise des Ordens nicht wirksam werden.

§ 3. Die Große Landesloge gründet sich auf das Christentum der christlichen Urgemeinde. Sie bezieht sich auf die biblische Überlieferung von dem Wirken Jesu Christi in der Welt. Wir sehen die Bibel daher als die unerschütterliche Grundlage unserer Ordenslehre an. Als unser höchstes freimaurerisches Licht legen wir sie auf den Altar.

(Wortlaut unter Beibehaltung des Sinns geändert)

Auch diese Aussagen sind symbolisch zu verstehen. Wir müssen uns den Glauben heute als eine individuelle Emotion, freilich auf kollektivem, universellem Fundament, vorstellen, deren spezifische Eigenart wir jedem zugestehen und überlassen, der in den Orden aufgenommen zu werden wünscht, ebenso wie sein persönliches Gottesbild in Korrespondenz zu seinem Gottesverständnis, das er im Orden auf das Symbol des Dreifach Großen Baumeisters der ganzen Welt projizieren kann. Symbol- und Ritualverständnis begründen die Wirksamkeit der speziellen Lehr- und Übungsweise des Ordens. Dazu ist ganz wichtig das symbolische Verständnis der Bibel, die uns als eine Sammlung von allegorischen Erzählungen vertraut ist und die wir als unser „Größtes Licht“ bezeichnen (mit der Lichtsymbolik verbinden wir die christliche Tradition mit der der Aufklärung). Theologen kommen zu der Auffassung, dass Jesus Christus weder eine Lehre verbreite noch eine Religion stifte. Das bedeutet für uns, dass wir die Lehre, von der wir sprechen, ableiten aus den biblischen Zeugnissen

 

1.) der in der Bergpredigt (s. Neues Testament, Evang. d. Matth., Kap. 5 – 7) und in der  Feldrede Jesu (s. dto., Evang. d. Luk., Kap. 6, V. 20 – 49)          überlieferten literarischen Zusammenfassungen von Jesu theoretischen Äußerungen,

2.) der gleichnishaften Erzählungen, die ihm in den Mund gelegt werden,

3.) der biblischen Geschichten über seine praktische Haltung und

4.) seiner ebenfalls dort beschriebenen Taten.

 

Die Bibel liegt entsprechend § 3. der Ordensregel aufgeschlagen beim Johannesevangelium auf dem Altar: „Im Anfang war das Wort.“. Das Johannesevangelium dringt anders als die anderen drei Evangelien tiefer in die Psychologie des Denkens, Wollens und Handelns der beteiligten Personen ein, und es hat zeitlose geistige und soziale Zündkraft. Die Verfasser des neuen Testaments lassen Jesus nie  b e g r ü n d e n ,  w a r u m  er etwas tue oder warum  w i r  es  t u n  s o l l e n . Sie lassen ihn in Gleichnissen reden. Sie lassen ihn uns anregen, das zu tun, was er tut,  w i e  er es tut, ohne nach dem Warum zu fragen. In dieser Weise lassen wir Jesu Wirken für uns zum Vorbild für unser eigenes Wirken werden und streben danach, ihm durch Imitation (imitatio, lat. = nemesis, griech. = Nachahmung, Nachfolge, dtsch.)  n a c h zu f o l g e n . Wir sind aufgefordert, danach zu streben, unsere notorische Schwäche abzulegen, so dass es unser Ziel werden kann, uns in Liebe dem Menschen zuzuwenden.

 

Deshalb wenden wir uns in diesen 8 Thesen Ihnen zu. Die Zahl „Acht“ gilt als die Zahl der göttlichen Liebe. Was glauben Sie, wer oder was oder wo Gott sei?